Gelb - Blau - Frei



Gelb – blau – frei

Eigentlich wollte ich heute endlich mal wieder was Lustiges schreiben, oder einen Reisebericht. Doch das Lachen bleibt mir seit gestern im Halse stecken, so wie wohl uns allen.

Ja, ich lasse mich in den nächsten Absätzen über den Ukrainekrieg aus. Warum? Weil wir Sportler uns als Vorbilder sehen. Fairness und Sportsgeist, gegenseitige Hilfe und Mitgefühl, gesunde Ernährung und ein wie geschmiert laufender Körper, das sind unsere Botschaften. Darum muss ein Sportler sich über dieses Thema auskotzen.

Läufer sind keine Arsc......

Ich kenne wirklich keinen Läufer, der ein ausgesprochenes Arschloch ist. Und deshalb wundert es mich nicht, dass der russische Präsident eben kein Läufer ist. Was dem Mann seit Jahrzehnten fehlt sind ein Lauftrainer und die stetige Niederlage gegen sich selbst. Denn das sind Laufwettkämpfe: Das Maß der Dinge für sich selbst festlegen, in Würde und Anstand, und stetig daran scheitern. Das hält dich am Boden.

Läufer sind die harten Demokraten. Denn wir wissen, dass es nichts umsonst gibt. Jeder Zentimeter, jede Zehntelsekunde haben ihre eigene unbarmherzige Währung, und die ist weit härter als der Euro. Läufer und Leichtathleten sind kompromisslose Kreaturen. Die Willkür von Punktrichtern und der Irrsinn von Haltungsnoten geht uns am Arsch vorbei. Ich bin stolz, dass ich mich dazuzählen darf. Und doch, ganz ehrlich:

Ich bin ein Weichei. Gemessen an den Menschen in Russland und der Ukraine.

In Russland demonstrieren sie gegen den Krieg. Was diese Menschen in der Haft und danach erwartet, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Dagegen ist ein 24-Stunden-Lauf die Sommerfrische. In der Ukraine liegen sie unter Beschuss und müssen sich darauf einstellen, die nächsten Jahre oder Jahrzehnte unter der Fuchtel einer brutalen russischen Marionette zu leben. Gute Aussichten für Selbstmörder.

Gelb und Blau - im Moment die wichtigsten Farben!
Keine Märchen

Ein paar offene Wort sollten erlaubt sein: Komme mir keiner mit dem Märchen von der bösen Nato-Osterweiterung. Dem kann ich nur sagen: Lies Geschichtsbücher und reise in diese Länder. Ich persönlich spreche ein wenig russisch und war mehrfach in Russland. Nicht mit dem Kreuzfahrtschiff, sondern privat bei Freunden, auf dem Land. Oder zum Bergsteigen. Ich bin unter Russen aufgewachsen, in der DDR. Meine früheste Kindheitserinnerung zeigt russische Soldaten in der Wohnung unter uns. Ich bin fest davon überzeugt, dass das russische Volk heute ebenso machtlos gegenüber ihrem Präsidenten und dessen Polizei und Geheimdienst ist, wie es unsere Großeltern gegenüber ihrem sogenannten Führer und seiner Gestapo waren.

Und das ist das Fazit dieser ganzen Misere: Für mich unterscheiden sich diese beiden „Staatsoberhäupter“ in ihrem Charakter überhaupt nicht voneinander. Einer war ein wahnsinniger Verbrecher, der andere ist es noch.

Was tun?

Was können wir tun? Wenig. Sehr wenig. Hoffen, dass unsere Politik sich nicht wieder verkauft. Und vor allem aushalten. Auch für uns wird die Decke dünner werden, bei sinkenden Temperaturen. Ich wünsche mir, für mich selbst, an steigenden Preisen, und allem was die Sanktionen auch für uns bedeuten, nicht die Geduld und den Glauben zu verlieren. Ich wünsche mir für mich selbst, dass ich diese (für mich leichte) Last trage ohne zu meckern und ohne mich von dem garantiert aufkommenden mentalen Giftmüll in Social-Media zerstören zu lassen. Ich wünsche mir für mich selbst, viel Geduld mit unseren Politikern (sympathisch oder nicht), in deren Haut ich nicht stecken will.

Vielleicht sind das auch deine Wünsche für dich. Dann wären wir schon zwei, und das wäre ein Anfang. Sportliche Tugenden werden wir nötig haben. Je mehr von uns diese pflegen, umso leichter wird’s uns fallen. 

Es geht um mehr

Lasst uns an die Menschen in der Ukraine, in Russland und in Weißrussland denken, an die Georgier, die Tschetschenen und all die, die Opfer dieses Tyrannen mit dem fliehenden Kinn sind. Wünschen wir ihnen, dass auch sie einmal wieder laufen dürfen, in Würde und Freiheit. Denn wie gesagt. Läufer sind keine Arschlöcher. Und eines ist sicher: Die Mehrheit dieser Menschen sind im Geiste unsere Sportsfreunde, sind Läufer.

Gelb – blau – frei

 

Euer Olaf