Melat Kejeta auf den Spuren von Stamata Revithi und Kathrine Switzer

 

 

In knapp einem Monat (am 07.08.2021) wird Melat Kejeta bei den Sommerspielen in Tokio beim Marathon für Frauen starten. Die Leser dieses Blogs wissen, dass es bis dahin ein langer Weg für Melat war. Ein Traum, der jetzt in Erfüllung geht. Heute erscheint es uns selbstverständlich, dass Frauen beim Marathon starten. Wir können uns kaum noch vorstellen, dass es ihnen noch bis Anfang der Siebzigerjahre verboten war, daran teilzunehmen! Und erst 1984 wurde der Frauen-Marathon in Los Angeles als offizielle olympische Disziplin aufgenommen. Die erste Marathon-Olympiasiegerin der Geschichte überhaupt vor gerade mal 37 Jahren hieß Joan Benoit.

Stamata Revithi läuft 1896 den Marathon, obwohl Frauen von den Spielen ausgeschlossen sind

Viele Frauen haben sich für die Gleichberechtigung der Läuferinnen beim Marathon eingesetzt. Stamata Revithi lief während der ersten Olympischen Sommerspiele der Neuzeit 1896 den 40-Kilometer-Marathon. Doch Frauen waren von den Spielen eigentlich offiziell ausgeschlossen. Einen Tag nachdem die Männer das offizielle Rennen beendet hatten, lief Stamata Revithi ihr Rennen daher alleine. Das Stadion durfte sie am Ende des Rennens nach in etwa 5 Stunden und 30 Minuten "natürlich" nicht betreten. Erst drei Jahrzehnte später (1928) wurden Frauenwettbewerbe in der Leichtathletik olympisch. 

Kathrine Switzer wird mit der Startnummer 261 zur Legende

Der laufende Protest von Stamata Revithi dürfte heute nur noch wenigen bekannt sein. Ganz anders steht es um Kathrine Switzer. Mehr oder weniger durch Zufall wurde ihr Lauf beim Boston-Marathon 1967 zur Legende. 

Schon mit zwölf Jahren begann Kathrine Switzer damit, jeden Tag eine Meile zu laufen, um als Hockey-Spielerin leistungsfähiger zu werden. Als Studentin trainierte sie später mit dem männlichen Leichtathletik-Team. Arnie Briggs war einer der Betreuer des Crosslauf-Teams, er selbst hatte bereits 15-mal am Boston-Marathon teilgenommen. Kathrine Switzer vertraute ihm an, dass sie beim Boston-Marathon 1967 starten wolle. Damals waren Frauen offiziell nur zu Wettkämpfen bis 800 m zugelassen! Bei der Anmeldung griff sie zu einem einfachen Trick: Sie meldete sich als K. V. Switzer an. Niemand schöpfte so Verdacht. Sie startete zusammen mit Briggs und ihrem Freund und späteren ersten Ehemann, dem Hammerwerfer Tom Miller. Sie lief mit der Nummer 261. Eine Zahl, die um die Marathon-Welt gehen sollte.

Ein Bild geht um die Welt und ändert den Frauen-Sport

Zunächst lief alles gut. Doch nach einigen Meilen entdeckte der Renndirektor Jock Semple, dass eine Frau eine offizielle Startnummer trug und versuchte, Switzer die Nummer abzureißen. Jedoch kam der stattliche Miller seiner Freundin zu Hilfe und stieß Semple zur Seite. Switzer konnte das Rennen fortsetzen. Nach vier Stunden und 20 Minuten erreichte sie das Ziel. Kathrine Switzer stand der Zufall zur Seite: Die Rangelei mit Jock Semple hatte sich direkt vor dem Pressebus abgespielt und wurde von den Journalisten festgehalten. So gingen die Fotos von diesem Vorfall um die Welt und lösten heftige Diskussionen um den Frauen-Sport aus. 

Kathrine Switzer setzte sich auch danach intensiv für den Frauen-Sport ein. 50 Jahre nach ihrem Marathon-Debüt ging Switzer als 70-Jährige am 17. April 2017 erneut beim Boston Marathon an den Start und sie absolvierte die Strecke in 4:44:31 h.  Sie hatte vom Veranstalter die gleiche Startnummer bekommen wie 1967, die Nummer 261. „Über das Jubiläum bin ich total begeistert. 50 Jahre später machen Frauen fast die Hälfte des Feldes in Boston aus.“ (Kathrine Switzer) 

"Tokio kann kommen! Melat Yisak Kejeta ist bereit!"

"Langstreckenläuferin Melat Yisak Kejeta kam als Flüchtling von Äthiopien nach Deutschland und musste eine schwierige Phase durchleben, ehe sie ihren Traum vom professionellen Langstreckenlaufen verwirklichen konnte. Jetzt geht sie für Team Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio an den Start!", heißt es auf dem offiziellen YouTube-Kanal. Viele haben dazu beigetragen, dass Melat diesen Erfolg feiern kann: Ihre Trainer, ihr Team, Ihre Freunde, die Sponsoren ... aber auch die vielen Frauen, wie Stamata Revithi und Kathrine Switzer, die für den Frauen-Marathon gekämpft haben.

Bildquelle: Kathrine Switzer beim Boston-Marathon-1967: Boston Herald