Unstrut, Saale und Corona - Mit dem Rad durch ein leeres Land - Teil 2

 

 

Die Fahrt im Frühjahr, kurz nach der Öffnung der Hotelbetriebe, hat etwas gespenstisches an sich. Wir bewegen uns durch eine Parrallelwelt. Auf den Spargelfeldern arbeiten Saisonarbeiter Hand in Hand. Wir selbst haben Urlaub, und wissen noch nicht, wie unsere Arbeitswelt in einer oder zwei Wochen aussehen wird. Und dabei leben wir im Moment in einer Luxusvariante des Alltags. Die Kinder sind groß und unsere Eltern noch nicht im Pflegeheim. Während wir durchs Land radeln und uns den Wind um die Nase wehen lassen, denken wir oft genug an die, denen die Wohnung derzeit zur Hutschachtel wird. Und kein Entrinnen daraus in Sicht. Und hätte uns jemand erzählt, dass diese Situation im Herbst erneut droht, wir hätten ihn ausgelacht. Damals. Heute lachen wir nicht mehr.

Östlich köstlich?

Wenn man den ganzen Tag auf dem Rad sitzt und sein Gepäck für die ganze Woche mitschleppt, ist man geneigt gut zu frühstücken. Wir sind nach unserer ersten Übernachtung in Bad Langensalza auf das angewiesen, für das wir uns am Tag zuvor entscheiden mussten. Es fällt etwas mager aus. Serviert wird was bestellt wurde, danach ist Schicht im Schacht. 

Bad Langensalza die Stadt der Rosen

Rückenwind und leerer Magen

Der Tag ist grau verhangen und verspricht durchaus wieder Wasser von oben. Aber es ist warm, und so kümmert uns der Regen nicht. Vorbei an Rosengärten verlassen wir Bad Langensalza in Richtung Sömmerda, und sind wieder für Stunden allein unterwegs. Den berliner Tandemfahrern begegnen wir, denen eine Felge gebrochen ist. Ansonsten radelt es sich durch das idyllische Unstruttal doch sehr entspannt, auch, weil uns der Wind in den Rücken bläst. 

Sehenswert und geschlossen

Ein kleiner Abstecher zur Wassermühle Nägelstadt, danach geht’s durch ein Naturschutzgebiet. Die Unstrut begleitet uns, oder wir sie, wie man das sieht. Sömmerda ist ein verträumtes Städtchen, ein schnuckeliger Boulevard und inzwischen Sonnenschein. Wir rasten. Unterwegs gab es eine Menge zu sehen, doch Schloß Herbsleben war geschlossen und im Technikmuseum Sömmerda probieren wir es gar nicht erst. Andererseits: Durch diese Maßnahmen haben wir den ganzen Tag unsere Ruhe.

Auch die Wasserburg Heldrungen ist natürlich für Besucher derzeit gesperrt. Inzwischen hat sich der Himmel einen Sack übergeworfen und bald erwischt es uns aus allen Rohren. Wir werden so richtig gewaschen. Mitleid können wir keines erwarten, denn wir begegnen kaum jemandem der uns bedauern kann. 

Lecker Essen und kaukasische Nächte

In Kindlbrück überrascht uns eine sehr freundliche Pensionswirtin in einer ganz frisch renovierten Unterkunft. Anders als in Bad Langensalza müssen wir uns nicht sofort für ein Frühstück entscheiden, sondern bekommen morgen einfach alles auf den Tisch gestellt, was so da ist. Nachschub wäre auch kein Problem. Abendessen gibt’s in einem echten thüringer Dorfgasthof, das Essen ist grandios frisch und handgemacht und eigentlich viel zu billig. Sowas würden sie in Kassel als handmade – homemade – tasty – food für das Doppelte verkaufen.

Einziger Wermutstropfen: Gegenüber der Pension schlägt die Rathausuhr alle Viertelstunde und zur vollen Stunde die ganze Zahl. Und das die ganze Nacht hindurch. Jetzt steht fest, warum das hier Kindlbrück heißt: Irgendwie müssen die Leute hier ja die schlaflosen Nächte rumkriegen.

Vielleicht sieht man sich wieder mal beim Nordhessencup

Euer Olaf