Kaukasusabenteuer Teil 16 - Das Los der Tourmannschaft


Der Abschied aus Georgien ist von Wehmut geprägt, zu sehr griff uns dieses Land, seine Menschen seine Berge, ans Herz. Wenn eine Reise gelingt, liegt das an denen, die im Stillen ihre Arbeit tun. In unserem Fall waren dies Rati, Zaza, Shalva und die anderen Männer der Mannschaft um unseren Bergführer Soso.

Was wird 2020

Wie läuft deren Leben ab? Dieses Jahr wohl sehr bescheiden, denn ob 2020 wegen der Coronakrise überhaupt Urlauber in den Kaukasus kommen, ist jetzt im März noch unklar. Wahrscheinlich werden all diese Männer in diesem Sommer ohne Arbeit sein. Eine staatliche Unterstützung oder Finanzhilfen wird es in Georgien nicht geben, man ist auf sich allein gestellt.

An Phantasie fehlt es den Georgiern nicht

Harter Job auch für die Familie

Die ersten Touren beginnen Ende Juni, wenn die Berge vom Schnee befreit sind, wenn die Luft frisch aber nicht frostig ist, wenn die Wiesen grün sind und der Rhododendron weiß blüht. Soso und seine Mannschaft sind dann schon seit Wochen mit Vorbereitungen beschäftigt. Die Zelte müssen kontrolliert und gereinigt werden, Verpflegungs- und Einkaufspläne erstellt, die Arbeiten festgelegt werden. Alle Vorräte für alle Touren dieses Sommers werden geplant, die erste Fuhre wird gepackt. Bis dahin müssen alle Fahrer, alle Pferdeführer und Bustransfers fest vereinbart sein, auf die Minute genau. Dann beginnt der Abschied, denn zwischen den Touren gibt es für die Mannschaft keine Pause. Ist eine Wandergruppe abgereist, müssen Zelte und Matten gereinigt werden, Vorräte eingekauft und verpackt werden. Schon kurz darauf geht es wieder ins Gebirge. Die Frau, die Kinder? Im Herbst wieder…

Unser Lager, Idylle mit gewaltigem Organisationsaufwand

Wer früher aufsteht darf länger arbeiten

Morgens, wenn wir Wanderer noch träumen, sitzen Zaza und Shalva im Küchenzelt und kochen und schneiden und packen. Das Frühstück ist gemacht, die Mannschaft hat da schon gegessen, wartet darauf, dass wir vorm Essen noch unsere Zelte geräumt haben. Sobald wir bei Tee und Broten sitzen, reißen die Jungs unsere Zelte ab und verpacken alles zum Transport auf Pferderücken oder Autodächern, je nach dem, wohin die Füße uns heute tragen sollen.

Fast verlassenes Bergdorf mit einer heiligen Stelle (für Frauen tabu)

Spitzname Wodka

Nach dem Frühstück schlendere ich gerne zum Küchenzelt rüber und Zaza und Shalva, unsere Köche, grinsen mich an: Wodka?
Klar, nehme ich gerne. Auch am Abend, wenn die Jungs etwas mehr Zeit haben. Es dauert jedoch ein paar Sonnenuntergänge bis wir begreifen, dass die Mannschaft immer erst dann zu Abend isst, wenn wir das Gemeinschaftszelt verlassen haben. Zeit haben, trifft es also eher nicht, sie warten einfach ab. Ab diesem Moment der Klarheit stehen wir stets sofort nach dem Essen auf.

Crossläufer

Mit Shalva, sofern er Zeit dafür hat, plaudere ich ein wenig neben dem Gläschen Chacha, was auf Deutsch Schnaps heißen mag. Wir reden über unsere Familien, wie wir leben und über den Sport. Offensichtlich ist Shalva ein großer Fan von Bayern München. Aber auch die Leichtathletik liegt ihm, Shalva war früher selbst Crossläufer und er war auch derjenige, der mir den Spitznamen „Wodka“ verpasst hat.

Feuerwache in Telavi

Zeitzeichen der Freundschaft

Und Shalva ist es, der am letzten Tag auf mich zukommt und seine Armbanduhr vom Handgelenk zieht. Er reicht sie mir und sagt, ich solle immer an ihn denken, wenn ich die Zeit ablesen. Sprachlos bleibt mir nur eines: Ihm mein geliebtes Rennsteiglauftuch zu schenken. Shalva trägt es auf dem aktuellen Foto seines Facebookprofils. Außerdem trete ich ihm mein HowToRun-Laufschirt ab, von dem ich in dem Moment schon weiß, dass ich es vermissen werde.

Bauernmarkt Telavi

Land der Wiederkehr

Wir alle lassen an diesem Tag etwas in den Berge dort zurück: Manche verschenken ihre Schlafsäcke, Jacken oder Hüte, ich meine Wanderschuhe. Aber wir alle lassen noch etwas zurück dort oben. Wir lassen Zeit dort. Zeit, die zumindest Andrea und ich uns wiederholen wollen, eines Tages. Wir werden uns diese Zeit nehmen, und mit ihr eintauchen in die Welt des Kaukasus. Die Welt der Orchideen, der Pferdeherden und Lagerfeuer, der Wasserfälle und Bergflüsse, des Chacha und des Hatschapuri, der Schafhirten und der Wolfsrudel. Wir werden eintauchen in ein kleines Land mit einem großen Herzen. Es wird Zeit…



Ende


Wir sehen uns (irgendwann) beim Nordhessencup