Kaukasusabenteuer Teil 13 - Tief Putin


Wir hatten nicht viel schlechtes Wetter im Urlaub. Aber Qualität schlägt bekanntlich Quantität. Es waren nur 48 Stunden Mistwetter, aber dafür richtig.

Tief Wladimir im Anmarsch

Wetterembargo

Für dieses Unwetter gab es, wenn man unserem Reiseleiter Soso glauben darf, einen Verantwortlichen: Wladimir Putin. Bekanntlich hat der kurz vor unserem Urlaub schnell ein Tourismusembargo gegen Georgien erlassen, und für Soso war Putin seither eher eine Witznummer. Egal welche Unbill auch immer: Schlechte Straßen – Putin macht Verkehrsembargo. Schlechtes Wetter – Putin macht Wetterembargo. Nun ist Wladimir Wladimirowitsch Putin nicht unbedingt für seinen Humor bekannt. Unsere Schlechtwetterfront hätte also tatsächlich den Namen Tief Wladimir verdient.

Auch im Hochgebirge, gespannte Verhältnisse zum Nachbarn

Campen auf dem Atsuntapass

Wir waren auf dem Weg zu unserem höchsten Lager. Unter dem Atsuntapass, in einem Talkessel auf 2900 Meter Höhe, wollten wir übernachten. Der Tag begann schwül und wir stiegen durch Blumenwiesen auf, dass uns die Augen übergingen. Kurz vor Mittag überholte uns unser Team um Oben auf die Packpferde mit den Zelten und dem Gepäck zu warten und dann die Zelte aufzubauen. Die 10 Pferde konnten wir vor Stunden noch sehr weit unten den Fluß entlang ziehen sehen, sie sollten uns etwa eine Stunde vorm Ziel auch überholt haben.

Die Mannschaft kommt

Das Wetter schlägt um sich

Späte Mittagsrast, nach dem Essen schlenderte ich ein Stück um über dem Bergrücken einen Blick zurück zu werfen. Ich war allerdings kaum oben angelangt, als ich kehrt machte und zu meinem Rucksack rannte. Ich stellte den Rucksack auf den Kopf, denn sinnigerweise hatte ich die Regenhose wieder mal ganz nach unten gepackt. Andrea machte es mir sofort nach. Sie weiß, wenn ich die Regenhose anziehe, dann pressiert es.
Blumenwiesen, noch in der Sonne

Donner im Gedärm

Kurz darauf warf sich der Himmel einen schwarzen Sack übers Gesicht. Und dann brach die Hölle los. Von der anderen Seite des Tals brüllte das Unwetter uns all seine Wut ins Genick. Regen wurde zu Hagel und als die Blitze links und rechts einschlugen, warfen wir die Wanderstöcke weit von uns und hockten uns ins Gras. Es drosch so richtig auf uns ein. In diesem Moment war ich unendlich dankbar für jeden Euro den ich in wasserdichte Klamotten investiert hatte. Auf 2800 Meter Höhe, in einem Talkessel dessen Massive die 3500 Meter überragen, erwischt dich der Donner nicht nur in den Ohren, er reißt dir den Magen und die Gedärme im Leib herum. 

Frieren, zittern, hoffen

Wie lang hockten wir da? Zumindest bis mir die Beine komplett eingeschlafen waren. Endlich wagten wir uns weiter, mußten die Zeremonie aber bis zum Lager noch einmal über uns ergehen lassen.
Oben angekommen wartete, völlig durchnässt und zitternd, unsere Mannschaft. Die sind in kurzen Hosen und Shirts da rauf, ihre warmen Sachen kamen mit den Pferden hoch, die aber in dem Hagel keinen Schritt gehen, wie wir später erfuhren.
Wir hatten noch warmes Wasser in unseren Thermoskannen und natürlich Selbstgebrannten, an dem sich der eine oder andere etwas wärmen konnte. Es pfiff aus allen Richtungen, der Sturm drehte sich im Talkessel wie ein Kreisel, keine windgeschützte Ecke konnte man finden. 

Heut Abend gibts Pferdefleisch

Irgendwann kamen die Pferde. Nur gemeinsam gelang das Gemeinschaftszelt gegen den Sturm aufzurichten. Bei all dem brachten es die Jungs in der Tat noch fertig, pünktlich eine warme Mahlzeit zu zaubern. Unsere Georgier dachten zuletzt an sich selbst, zuerst immer an uns!
Am Abend wurde es kurz nochmal richtig kitschig. Tief Wladimir ging die Puste aus und die Sonne kam raus. Kurz war der Kashbek zu sehen, Pferde grasten vorm Sonnenuntergang. Das Unwetter hatte ein Stück Fels gelockert, so groß wie eine Garage etwa, das mit Getöse ins Tal krachte, ein komisches Gefühl, das anzusehen.
Wenn die Brieftauben meines Onkels zu spät zurückkehrten, landeten sie im Suppentopf. Die Pferde waren sehr, sehr spät heute, aber die Suppe war dann doch schon fertig.

Unwetterpause

Ruhe zwischen den Stürmen

Müde krochen wir in die Schlafsäcke und suchten den Krach zu ignorieren, den einige Georgier in den Nachbarzelten veranstalteten, um einem mit ihnen gereisten Mädel zu imponieren.
Irgendwann Ruhe, aber auch nicht lang. Der Sturm kehrte zurück und rannte nun vom Pass herunter gegen unsere Zelte an. Gegen Morgen, als der Gewittersturm noch immer den Himmel mit Finsternis überzogen hatte, hob es unser gesamtes Zelt samt uns darin zwei mal kurz in die Höhe. Um nicht halb nackt mit dem Zelt ins Tal geweht werden, zogen wir uns an und wollten eben ins Gemeinschaftszelt gehen, das aber lag auch schon am Boden. Der Sturm hatte die Streben gebrochen.
Irgendwie gelang es uns alles einzupacken und hastig etwas zu essen. Danach ging es auch bald weiter.

Ruhe vor dem Sturm

Über den Pass, egal wie

Wir mussten heute über diesen Paß, egal wie. Und der Weg dort hoch, auf 3300 Meter, durch Sturm und Gewitter, den werden wir nie vergessen. Selbst Soso erzählte später, er habe so etwas noch nie erlebt. Blitze rasten durch die Finsternis um rundherum einzuschlagen. Donner warf uns fast um. Immer wieder hockten wir im Gras und beteten, dass es ja nicht einschlagen möge. Der Weg zum Pass hoch war ausgesetzt und windanfällig. Sich nicht wegwehen zu lassen, war teils eine Herausforderung. Alles war mit Hagelkörnern bedeckt, nass, rutschig und noch immer stürmte es aus allen Richtungen auf uns herab. Oben angekommen war Soso die Erleichterung deutlich ins Gesicht geschrieben. Alle gesund oben. 

Nichts wie runter

Jetzt nichts wie runter von diesem verdammten Berg. Weg von diesem Wetter. Weg von Wladimir Putins Wetterembargo.
Würde ich nochmal da hoch gehen? Jederzeit wieder! Selbst bei diesem Mistwetter. Vielleicht aber hat Wladimir ja in Zukunft bessere Laune.


Wir sehen uns (irgendwann) beim Nordhessencup