Kakasusabenteuer Teil 15 - Höllentripp Abanopass


Irgendwann ist die schönste Wanderung vorüber. Die Zelte werden abgebaut, die Mannschaft wird verabschiedet, Wehmut klingt durch. Für uns steht eine mehrstündige Fahrt in Geländewagen auf dem Programm, und wir ahnen nicht, welche. Vorher stoppen wir in Ober-Omalo, letzte Möglichkeit für typisch georgische Souveniers, Socken zum Beispiel.

Deutsches Brot und 75 KM Schotterpiste

Die Bäckerei vor Ort verdankt ihren Ofen der deutschen Entwicklungshilfe „Brot für die Welt“, die Bäckerin spricht deutsch.
Vorbei mit lustig. Uns stehen fünf Stunden Fahrt für 75 Kilometer bevor. Eine Serpentinenpiste, aus dem Fels gesprengt, von Flüssen und Wasserfällen gekreuzt, ständig errodierend und Bergrutschen ausgesetzt, Abschüssig, aus Schlaglöchern zusammengeflickt, grauenhaft spannend und verdammt gefährlich. 35 Kilometer schleichen wir in Geländewagen den Berg hinauf, werden durchgeschüttelt, hin und her geworfen und erkennen nach und nach in welche Höhe wir uns schrauben, und wie locker der Untergrund scheint.

Noch harmlos, später fehlte der Mut zum filmen

Eine der gefährlichsten Straßen

Dies hier ist, wie wir später erfahren werden, eine der gefährlichsten Pisten der Welt. Jedes Jahr fordert diese Straße ihre Opfer, die Gedenktafeln, die wir passieren, sprechen ihre eigene Sprache. Auf ARTE gibt es in der Mediathek übrigens einen Bericht über diese Straße, unter dem Titel: Ein halbes Leben in Tuschetien.
35 Kilometer bergauf. Am Abanopass steigen wir aus, seekrank, blass, speiübel. Der Blick zurück entschädigt, nur ahnen wir noch nicht: Bergabfahren ist noch grausamer. Noch nie im Leben habe ich mich so sehr nach Asphalt gesehnt, nach nur einhundert Metern grauschwarzem, in der Sonne erwärmten, stinkenden Asphalt. Ich hätte laufen sollen!

Zentimeter vorm Abgrund

Die Piste ist kaum breit genug für ein Fahrzeug, mit Not weichen zwei Geländewagen einander aus. Leider aber fahren auch Baufahrzeuge, Vierachser Kamaz-LKW hier hoch. Uns entgegen. Blöderweise ist rechts die Seite auf der es bergab geht, unsere Seite. Was nun folgt ist schier unmöglich zu beschreiben. Eine Zentimeterrangiererei, das Schinden von Platz, das Suchen von festem Untergrund unter den Rädern. Unser Geländewagen hat Rechtslenkung und der Fahrer beugt sich aus dem Seitenfenster um den Untergrund zu kontrollieren. Ich bin mir sicher, sein Kopf hängt schon über dem Fluß der hunderte Meter tiefer durch Tal donnert.

Überlebt!

Wären wir abgestürzt, könnte ich den Bericht hier nicht tippen, es ging also alles gut. Erstaunlich! Den Fahrern, die diese Tour täglich machen, gilt mein voller Respekt!
Am Nachmittag erreichen wir Telavi  und werden entschädigt für diese Strapaze. Unser Hotel hat eine wunderbare Terrasse auf der wir unser Abendessen mit Blick auf den Kaukasus einnehmen werden. Vorher stromern wir durch die Stadt, besuchen den Bauernmarkt. Das hier ist wirklich ein Selbstversorgermarkt, es gibt nichts, was es nicht gibt. Die „teure“ Stände sind im Inneren untergebracht, vor der Markthalle stehen die Rentnerinnen und verkaufen Erzeugnisse ihres Gartens. Eine Rente, wenn es sowas in Georgien überhaupt gibt, ist sicher zum Sterben zu üppig und zum Leben zu mickrig.

Nana, deutsch sprechende Kwasverkäuferin in Telavi

Man spricht Deutsch

Vor dem Markt treffen wie Nana, und Nana spricht Deutsch! Sie ist lange schon im Pensionsalter, verkauft Kwas, den lecker-erfrischenden Brottrunk. Es gibt nichts Besseres an heißen Tagen als frischen, kühlen Kwas!
Nanas Nichte ist Deutschlehrerin und Nana lernt bei ihr deutsch. Man ist eben nie zu alt zum Lernen.
Wir schlendern weiter und während Andrea Fassaden bestaunt, treibt es mich wieder zu den Menschen hin. Am Straßenrand steht eine der hier sehr häufigen Schusterhütten. Der Schuster liegt im Schatten unter einer Platane und döst.

Schusterwerkstatt am Straßenrand, alltägliches Bild.

Mit dem Zirkus durch Europa

Als er mich entdeckt kommt er herbei. Auch er ist lange über Rentenalter hinaus. Schuhe zu besohlen hab ich keine, meine Wanderschuhe habe ich der Mannschaft geschenkt. Aber wir kommen ins Gespräch und er erzählt mir, er sei früher, zu Sowjetzeiten, als Clown mit dem Staatszirkus durch Europa getourt. Ein Foto davon gibt es auch. Natürlich muss ich mit ihm einen Schnaps trinken. Um ehrlich zu sein: Das Zeug schmeckte wohl wie der Kleister mit dem er seine Schuhe klebte, aber es kam von Herzen. Und darauf kommt es doch an, oder?

Früher Clown, heute Schuster. Leider sehr dunkles Bild.

Warum immer Ostblock?

Warum fahrt ihr immer in den Ostblock? Das werden wir oft gefragt. Montenegro, Kosovo, Albanien, Slowakei, Armenien, Georgien. Ganz einfach: Weils dort von Herzen kommt. Klingt komisch, ist aber so. Probiert es aus.



Wir sehen uns (irgendwann) beim Nordhessencup