Das freundlichste Volk Europas






Mercedes, beliebteste Automarke in Albanien - selbst als Brennholzschuppen
"Albanien, o Albanien..", sind die ersten Worte in Johan Lolos kurzem Reisebericht über Albanien. Der Instagramer und Profifotograf fuhr für seinen Bildband "Peaks of Europe" mit dem Pickup 145 Tage lang durch Nordeuropa, die Alpen und über den Balkan. "Von allen Menschen, die ich auf meinem Roudtrip getroffen habe, waren die Albaner am freundlichsten und aufgeschlossensten", schreibt Lolos in seinem Buch. Und wer einmal dort war, der kann nur heftig nicken.

Getauchte Wanderer


Dazu eine Anekdote aus unserer Tour in Nordalbanien 2015: Unsere Gruppe wandert triefend einen Talweg hinab. Noch vor einer halben Stunde haben wir oben auf dem Gebirgskamm so richtig den Allerwertesten gewaschen bekommen, ein Gewitter erster Güte tobte direkt über unseren eingezogenen Köpfen. Wir sehen aus, als hätten wir versucht durchs Rote Meer zu laufen, nur leider hatte sich das Meer nicht geteilt für uns.
2015 voll durch. Andrea und Ricardo (Inhaber und Reiseleiter Zbulo.org)

Einladung zum Abtropfen

Am Wegesrand ein Blockhaus, Kinder toben durch den Garten, eine junge Frau klammert Wäsche auf die Leine. Unser Wanderführer kennt die Leute, und so laden wir uns zu Tee und Kaffe ein. Wir sind 12 Leute, oben nass und unten voller Schlamm, und sie bittet uns trotzdem ins Haus. Natürlich lehnen wir ab, wir lassen uns unter dem inzwischen wieder blauen Himmel bewirten. Und doch: Diese Einladung war keine Geste, sie war angeboren.
Käseherstellung in einer Schäferunterkunft

Der Laden, der Laden...


Zurück zu unserer Tour im Süden: Eines Abends schlendern wir zu viert durch Sheper, ein Dorf auf unserem Weg nach Permet. Mario hat uns erzählt, es gäbe weiter oben eine Art Laden. Nach zwei Tagen Gebirge steht uns der Sinn nach etwas Zivilisation, vor allem in Form von Snickers.
Die Sache mit dem Laden erweist sich als Ente. Wir finden nur Marxismus-Leninismus-Parolen auf Mauerresten einer verstorbenen Kolchose, und die standen ja nicht unbedingt für die süße Seite des Lebens. Wir gehen weiter, zum Ortsrand hin, wo wir die Füße behutsam um die Schafkötel herumsetzen. In Rufweite hantiert ein älterer Herr vor seinem Hoftor herum.

Los, sag ich, wir gehn jetzt Kaffee trinken

Natürlich werde ich ausgelacht, aber man hat ja so eine Erfahrungen in Albanien. Also winke ich dem älteren Herrn und rufe: Tourist! das funktioniert hier immer. Und siehe da, sofort werden wir herangewunken und er schiebt uns durchs Hoftor.
Albanien für Außenstehende...

Innerer Werte

Wenn Ihr einen Hof oder ein Haus in Albanien betretet, dann stellt Euch das so vor, wie Ihr Euch Albanien vorstellt: Meist haben wir keine Vorstellung von diesem Land, außer Armut, Gewalt, vielleicht auch primitivste Hütten und halbnackte Kinder. All das könnte man erwarten, beim Eintritt, denn die geschichteten Steinmauern machen nach Außen hin nicht viel her. Eher noch schrecken Sie ab. Dann aber trittst du in eine andere Welt. Wir stehen unter Weinranken und Zitronenbäumen vor einem Gemüsegarten, bunt wie zu Omas Zeiten.
...Oasen hinter Steinmauern - Albanien für aufgeschlossene Reisende

Der Hof scheint mit tausend Besen gekehrt, eine Katze sonnt sich und schaut demonstrativ weg. Der Mann drängt uns ins Haus, wir sollen die Schuhe anlassen, und schauen doch heimlich unter uns, ob wir dem Glanz der Fliesen mit unseren Wanderschuhen schaden.

Kaffee, Raki und Gebärdensprache


Dann sitzen wir in der Stube und machen uns bekannt: Foto heißt der Mann, ist 74 Jahre alt und war früher Mathmatikprofessor. Seine Frau Angela kommt mit Kaffe und Gebäck. Foto ist eine Art Halbitaliener. Sein Vater war ein italienischer Soldat und im zweiten Weltkrieg in Albanien stationiert. Deshalb spricht Foto italienisch und unser Freund Martin spanisch, was uns neben Kaffee zu einer Ration Raki verhilft. Allerdings sind Foto und seine Frau entsetzt über die gute deutsche Sitte des Schnapstrinkens: Wech mit dem Zeuch! Nein, erklärt Angela, man trinke etwas, rede zwei Minuten, trinke wieder. So vergehe der Abend. Die Frau hat Kultur!
Stell Dir vor, vier Fremde streunen um Dein Grundstück. Was tust Du?
Angela und Foto (Mitte) luden uns einfach ein. 

Ein Foto für Herrn Foto

Für uns wirds Zeit. Wir wollen noch ein Foto machen. Es wird etwas kompliziert zu erklären, dass wir ein Foto mit Foto und seiner Frau machen wollen, und das wir Foto dieses Herrn Foto dem Herrn Foto später mal schicken möchten. Am Ende klappt alles, er diktiert uns sogar seine Adresse. Die übliche, albanische Verabschiedung: Wir umarmen uns und verschwinden. Tatsächlich schicke ich das Foto später nach Sheper. Ob es jemals angekommen ist, werde ich nie erfahren. Ich setze aber auf die Postboten, die in einem Land besonders freundlicher und hilfsbereiter Menschen leben und kaum anders können als hilfsbereit zu sein. Irgendeiner wird das Foto schon zum Foto bringen. Denn in Albanien geht nichts verloren, außer dem Streß vielleicht. Das ist aber schon wieder eine ganz andere Geschichte.


Eine schöne Woche wünscht Euch Olaf