Verschollen in Hoshtewe


Raki oder Kaffee?

Niemand weiß wo ich stecke, mein Handy hab ich im Zimmer gelassen, niemand sah, wohin ich gegangen bin. Dieser Albaner mit dem Knittergesicht hat mich einfach mitgenommen, und nun sitzen wir auf seiner Couch, in seinem Haus, irgendwo in den Bergen Südalbaniens. Er brät sich über einer Gaskartusche seinen türkischen Kaffee, wir knabbern Kekse und reden mit Händen und Füßen. Ich hoffe nur, der läßt den Raki im Schrank, sonst könnte das hier länger dauern. Meine Frau kennt meine Neigung, alleine durch die Dörfer zu streichen und mit den Eingeborenen zu fraternisieren, aber wenns ums Abendessen geht, da kennt sie keine Freunde.

Albanien und Gastfreundschaft

Wer einmal da war, der weiß, was ich meine: Nichts ist einfacher, als sich von einem Albaner "einladen" zu lassen. Mein neuer Freund Shimon hier hat mich einfach aufgegabelt als ich unterhalb des Dorfes um ein verlassenes Kloster streunte, auf der Jagd nach Fotos.

Eierautomat auf albanisch

Shimon war grad Eier kaufen. Und das geht hier so: Am Wegesrand hat er gestern Geld unter einen Stein gelegt und findet heute im Gras versteckt einen Zehnerpack Eier. Eierautomat auf albanisch. Wie er also seine Einkäufe erledigen will sieht er mich von weitem und winkt (die winken hier immer alle). "Tourist?" ruft er. Ich nicke. Er zeigt mir den Daumen nach oben und geht weiter. Plötzlich jedoch, als er sieht das ich aufs Klostergelände gehe, rennt er wild gestikulierend auf mich zu und ruft etwas, das ich natürlich nicht verstehe.

Verlassene Plätze?

Mist, denke ich, der ist hier der Kalfaktor und jetzt gibt's Stress. Betreten verboten und dergleichen. Aber nein. Es gibt wohl einen ziemlich miesen Hund hier in der Nähe, so viel entnehme ich seinen Gesten. Shimon sichert also zunächst das Gelände und dann geht's weiter. Er drückt eine Tür auf und fummelt lange an seinem vorsintlflutlichen Handy herum, bis daran ein Lichtchen schimmert. Es reicht gerade um zu sehen, wohin man tritt.

Mein privates Hünengrab

Shimon horcht angestrengt nach oben, das Dach ist einsturzgefährdet, versucht er mir zu erklärten. Das hab ich von draußen schon gesehen. Und da die Dächer hier aus Steinplatten geschichtet sind, hätten wir beide ein Begräbnis erster Klasse, ein privates Hünengrab sozusagen, allerdings ohne Hünen, Shimon ist ebenso dürr wie ich. Nun, das Dach hält. Andererseits: als letzte Ruhestätte hätte der Platz hier durchaus seinen Reiz.
Ganz so verlassen wie ich glaube, ist der Ort dann doch nicht. Das aber kann ich erst Zuhause sehen, wenn die Blitzlichtfotos auf dem Rechner sind. Denn trotz Shimons Funzel sehe ich kaum die Hand vor Augen.

Zu Gast

Dann nimmt Shimon mich mit nach Hause. Wie spät ist es eigentlich? Ich hab weder Uhr noch Handy dabei...
Wie bei vielen Gehöften hier, wartet hinter der unscheinbaren Steinmauer eine kleine Oase auf den Besucher. Wir sitzen, schweigen oder versuchen uns im Verstehen. Ein Bild seiner Kinder, alle schon erwachsen. Einer ist Ingenieur, einer Lehrer. Beiden wohnen mit ihren Familien in Tirana. Auch in Albanien leeren sich die Dörfer. Enkelkinder gibt's auch schon.
Da sitzen wir unter Weinranken und lauschen dem Ticken einer weit entfernten Wanduhr. Der Kaffee duftet, alles ist einfach, blitzblank und gemütlich. Verstohlen versuche ich die Kekskrümel von der Couch zu picken.

NHC in Albanien? Ein Anfang ist gemacht

Bald darauf verabschiede ich mich. Als Dankeschön erhält Shimon ein Bufftuch der Nordhessencupsponsoren. So hat es der Nordhessencup also schon bis Albanien geschafft. Später, als Andrea und ich im Gästehaus auf dem Balkon sitzen und den Sonnenuntergang genießen, geht Shimon unten vorbei. Er sieht uns und ist kurz darauf bei uns.

Nun doch Raki!!

Hier stehen ja immer alle Türen offen, auch die zum Schnapsschrank. Aber die muss man kennen, und Shimon kennt sie. Da sitzen wir, trinken Raki mit einem Albaner und schauen in die Berge. Was wollen wir mehr?

Shimon erzählt, er war früher Meteorologe. Nun, das ist in Albanien nicht so schwer, wie wir später erfahren werden. In Nordalbanien heißt es nämlich: Wenn ein Südalbaner singt, regnet es. Aber das, ist schon wieder eine andere Geschichte.

Eine schöne Woche wünscht Euch Olaf