Singen für den Regen

Blick auf Permet im Vjosatal
Als Kultur- und Wanderreise hat der Summitclub unsere Tour in den Süden Albaniens beschrieben. Und wir hatten Glück: Mit unserem Reiseführer Mario, sozusagen dem wandelnden Kulturgedächtnis Albaniens, aber auch mit der Zusammensetzung unserer Gruppe. Denn aus Bad Belzig und der Schweiz reiste, sinnbildlich gesprochen, ein Chor erster Güte mit uns. Musik öffnet Herzen. Und so kam es, dass unsere Kultur- und Wanderreise plötzlich musikalisch untermalt wurde, auch wenn das in Einzelfall zu schlechtem Wetter führen konnte. Das lag dann aber eher an den Albanern.

Zurück aus der Zukunft

Es war eine Zeitreise: Ankommen am Mutter-Theresa-Flughafen in Tirana - Jetztzeit. Mit dem Bus in den Abend bis ins schicke Hotel, immer noch in der Moderne. Beim Abendessen beginnt es schon, es schmeckt hervorragend da alles frisch ist. Tiefkühlkost und Geschmacksverstärker unbekannt, der erste Schritt in die Vergangenheit. Am nächsten Morgen Abfahrt, das Vjosatal hinauf und bald zu Fuß Richtung Kala, was Burg heißt.

Kala, nur zu Fuß oder zu Huf zu erreichen
Auf dem Weg dahin haben wir eine Zeitschleuse durchschritten, irgendwo, sie war nicht markiert. Doch jetzt sind wir locker 100 Jahre zurück, eher mehr. Nach Kala gelangt man nur zu Fuß. Es wohnt nur noch eine Familie dort oben, bei der wir zu Raki und Kaffe eingeladen werden. Sie leben von dem, was Sie Bienen und Schafen und dem Staub hinterm Haus abringen: ihrem Gemüsebeet. Die Produkte arbeiten sie ohne Maschinen auf, auch Strom muss zu Fuß hier herauf geschafft werden.


Der Dachgepäckträger vom Esel, auf solchen Sätteln wird alles transportiert
Ökowahn und Biokult

Was auf dem Markt verkauft werden soll, wird mit Mulis über Pfade bis in die Stadt, zumindest aber bis zur nächsten Straße geschleppt. Eineinhalb Stunden Fußweg! Das ist Öko und Bio in Reinkultur, hat aber mit dem Bio-Mainstreem in unserer Heimat nichts gemein, wo man mit dem SUV in den Biomarkt fährt (mit Umweg über die Autobahn, um den Partikelfilter freizublasen). Es ist hartes Brot, Entbehrung und vielleicht auch: keine andere Wahl zu haben. Die Eltern unseres Gastgebers sind über 70, kein Arzt und keine Apotheke weit und breit.

Allradantrieb und Spikes, Transportmittel Nr. 1 in den Bergen

Mit Musik in die Vergangenheit

Was sie hier alle können, ist singen. Noch halten sie sich damit zurück, doch unser wandernder Chor lockt irgendwann jeden Albaner aus der Reserve. Wir wandern weiter zurück in der Zeit, nach Limar, dem steinernen Dorf, das sich seit Jahrhunderten unsichtbar aufs Hochplateau drückt und außer ein paar verwitterten Strommasten sein Bild kaum verändert haben mag. Und in der Zeit zurück wandern auch die Lieder unserer gesangskräftigen Mitreisenden. Plötzlich sind wir auch musikalisch im Mittelalter angekommen. Und das klingt so:




Wenn ein Südalbaner singt, regnet es


In Albanien kann man deutlich zwischen dem Gesang des Nordens und dem des Südens unterscheiden. Mario, unser Reiseleiter, ist bekennender, stolzer Nordalbaner. Es ist seine letzte Tour in dieser Saison, seit April ist er nahezu ununterbrochen unterwegs. Wenn man genau hinsieht, schimmert ab und zu etwas Müdigkeit um seine Augen. Mit dem Gesang der Gruppe aber läuft er zu Hochform auf. In den kommenden Tagen gibt uns Mario einen Abriss albanischer Musiktradition. Die Stereoanlage unseres Busses wird strapaziert bis zum Anschlag. Im Norden des Landes sind die Lieder eher, wie soll ich sagen... Stimmung wie auf dem Oktoberfest, patriotisch angemalt. Das macht Laune und lädt zum Mitsingen ein. Hier im Süden pflegt man die Tradition des polyphonen Gesangs. Ein Vorsänger gibt das Motto und mindestens fünf Stimmen halten einen Ton. Ein gemeinsamer albanisch/deutscher Versuch beim Abendessen klingt dann so:





Mario spielt uns im Bus eine ganze CD davon vor: Harter Tobac! Er lacht, denn die Nordalbaner sagen: Wenn ein Südalbaner singt, regnet es. Und tatsächlich beginnt es kurz darauf zu nieseln. Völlig nachvollziehbar, finde ich.

Raki im letzten Paradies

Als wir in Hoshteve an diesem polyphonen Gesang mitwirken, blieb es jedoch trocken. Dass danach eine sternenklare Nacht heraufzieht ist zwei Umständen zu verdanken: Ich selbst hab den Mund gehalten und unser deutsch/schweizerischer Chor hat nachher mit deutschem Liedgut den Wettergott besänftigt.

Vom vielen Singen werden die Kehlen trocken. Man ölt mit Raki. Raki, das ist mehr als ein Schnaps, das ist Lebensart. Wir sind unterwegs um Vjosatal, dem vielleicht letzten unverbauten Fluß Europas. Und wir trinken schwarzgebrannten, ehrlichen Schnaps. Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Eine schöne Woche wünscht Euch Olaf