Die Philosophie des Richtungswechsels - was Rückwärtslaufen so wertvoll macht.




"Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann." meinte einst der Künstler Francis Picabia. Der Philosoph Wilhelm Schmid sieht es ähnlich: Es ist wichtig von Zeit zu Zeit die Position oder die Richtung zu ändern:

"Es ist immer ein Vorteil, die Perspektive zu wechseln, das gilt in jeder Hinsicht, ich habe das gelegentlich selber auch betrieben und habe mich auf den Boden gelegt, auf den Rücken, auf den Bauch und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus in der Tat" und er fährt fort: "Alles, was die Sinne wachmacht, ist von Vorteil, möchte ich mal behaupten. Das weckt die Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit ist immer die Grundlage unseres Weltzuganges und wenn wir immer nur denselben Weltzugang haben, in dem Fall vorwärtslaufen, aufrecht stehen, dann ist das für die Sinne langweilig. Also, alles was die Sinne wieder zu einer Intensität bringt, ist wertvoll."

Rückwärtslaufen hilft beim Erinnern

Also: einfach mal die Perspektive ändern. Am besten nicht nur in Gedanken, sondern auch wortwörtlich. Forscher haben nämlich herausgefunden, dass man dann nicht nur die Welt mit anderen Augen sieht, sondern auch seine geistige Leistungsfähigkeit steigert - das Gedächtnis soll zum Beispiel deutlich besser werden. Probandinnen und Probanden, die sich in einem Experiment rückwärts bewegt hatten, konnten sich Videoclips, Wörter oder Fotografien besser einprägen als wir Geradeausgeher.

Rückwärtslaufen erhöht das Körpergefühl

Auch Läufer entdecken schon seit geraumer Zeit die Vorteile des Rückwärtslaufens. Durch den umgedrehten Bewegungsablauf werden die Muskeln und die Gelenke anders belastet. Die Vorteile: höherer Energieumsatz und Vermeidung von Dysbalancen in der Muskulatur. Zusätzlich werden die Sinne geschärft und man bekommt sogar ein besseres Körpergefühl. Rückwärtslaufen verbessert in kurzer Zeit die Koordination, das Gleichgewichtsgefühl und die Körperhaltung und kann somit auch zu mehr Selbstbewusstsein beitragen.

Rückwärtslaufen als eigene Sportart

Längst hat sich Rückwärtslaufen zu einer eigenen Sportart gemausert. Die Idee dazu gibt es schon recht lange: Bereits vor fast zweihundert Jahren findet dieser "Kunstlauf" zum ersten Mal Erwähnung. Als Pionier in Sachen "RetroRunning" - wie es in Neusprech heißt - gelten der Franzose Christian Grollé, der sich bereits seit 1978 mit dieser Laufart beschäftigt und Roland Wegner, der seit dem Jahre 2001 die Sportart unter eben dem Namen „Retrorunning“ promotet.

1992 fand in Poviglio/Italien der erste Rückwärtswettkampf in Europa statt. Mittlerweile gibt es Rückwärtsläufe auch in Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Neuseeland, Nord- und Südamerika, Indien und Südafrika weiß die allwissende Wikipedia. Und seit 2006 finden gar regelmäßig alle zwei Jahre Weltmeisterschaften im Rückwärtslaufen statt.

Keine Sorge, der NHC wir auch 2019 nicht für Rückwärtsläufer ausgerichtet :-)


Bild: Roberto Ferrari from Campogalliano (Modena), Italy, Retro Running (4008506566), CC BY-SA 2.0