Unterwegs im Kaukasus 14 - Allein unter Russen


Nur noch Weltraum über mir
Ja verdammt: Der Anstieg ist anstrengend. Landläufig wird immer behauptet, der Sauerstoffgehalt sei in dieser Höhe geringer, aber das stimmt nicht. Der Luftdruck ist einfach extrem niedrig, die Luft ist "dünner". Es ist einfach nichts zum Verbrennen da.


Touristen am Abschleppseil

Ich steige langsam aber stetig, inzwischen über 5500 Meter, seile mich an und nutze den Pickel als Stütze. Aber Leute gibt’s, was machen die hier oben? Vor mir gehen ein Mann und eine Frau, oder sagen wir, sie wanken. Er hat sie am Seil, sie geht alle drei Schritte in die Knie und stöhnt. Dann legt er sich in den Gurt und zieht sie wieder hoch, zieht sie weiter. Und die Frau war kein Leichtgewicht!  Was muss der Kerl für eine Kraft haben! Doch warum schleppt er die Frau in diese Höhe? Sie lassen mich vorbei, fragen irgendwas, aber mit dem Sauerstoff sind auch meine Russischkenntnisse im Tal geblieben.

Etwa 100 Meter weiter oben liegt eine Frau quer über dem Weg und hält sich am Seil fest. Sie versucht vergeblich, sich dünn zu machen, was ihr aber sichtlich schon ohne die dicken Klamotten schwer fallen würde. Die Frau ist völlig am Ende, was macht die hier auf 5500 Meter Höhe?

Kondition, ein Königreich für Kondition!


Auch ich pfeife aus dem letzten Loch. Von Erzählungen weiß ich, dass es jetzt über ein Hochplateau geht, es soll nicht mehr so schlimm sein. Trotzdem denke ich ehrlich darüber nach, umzukehren. Scheiß drauf, ich war hier, das reicht. Links ist etwas wie eine Bergspitze zu sehen. Ist das der Gipfel? Na fein, dann hab ich den jetzt gesehen, das genügt doch. Niemand da, der mich motiviert. Das muss ich schon selbst tun. Nach einem letzten Anstieg, tatsächlich, die Hochebene. Der Gipfel in Sicht, jetzt aufgeben wäre doof. Also weiter, auch wenn es zum Kotzen anstrengend ist. Es hat wohl doch seinen Grund, dass die Gruppe unten so langsam gestartet ist.


Blick zurück


Oben


Punkt 8 Uhr. Oben. Erhebend, wenn rings um einen nur noch Himmel ist. Ein paar Tränen, Andrea ist nicht bei mir. Das übliche Foto, sind ja genug Leute hier. Dann steige ich wieder ab. Als ich das obere Ende der Verseilung erreiche, treffe ich einen alten Bekannten, der Mann mit den Atemübungen. In dem Moment, da er das Ende der Verseilung erreicht und sich losmacht, fällt er wie ein Sack auf die Seite, wie ein luftleerer Sack. Sein russischer Bergführer steckt sich zunächst in Ruhe eine Zigarette an und hängt den Mann dann am Seilpfosten ein. Ich hocke mich neben den armen Kerl, er fragt mich immer wieder, wie weit es noch sei. Der Bergführer sagt, er sei ein „Englishman“. Wie weit es noch ist, will ich ihm nicht sagen, lache ich. Denn es ist noch weit. Ich versuche ihn ein wenig aufzubauen. Wenn der Deutsche hier hoch käme, dann doch der Englishman auch, oder? Er röchelt, er sei Israeli. Oh, na dann schaffe er das sowieso, oder? 

oben

Runter geht schneller


Weiter unten treffe ich die deutsche Bergführerin mit der ich starten durfte. Jaja, mir geht es gut!. Ein Stück weiter großes Hallo: Alexej mit unseren russischen Botchi-Nachbarn. Weiter unten am Sattel sitzen im Schnee die fünf Jungs, die direkt an den Botchis gestartet sind. Auf ihren Gesichtern sind die 2000 gestiegenen Höhenmeter deutlich zu lesen. Respekt. 

Almauftrieb vom Sattel Richtung Gipfel

Kurz nach zehn Uhr bin ich wieder „Zuhause“. Wenn mir jetzt einer eine Verzichtserklärung auf Bergsteigen in dieser Höhe hinlegte, ich würde sofort unterschreiben, ich bin komplett im Eimer. Ausruhen geht aber nicht. Die Sachen sind gepackt und das ganze Zinober des Gepäcktransports hinunter ins Tal beginnt, wir verlassen das Basislager. Im Hotel gibt’s dann nur noch eines: Duschen! Aus der Dusche falle ich direkt ins Bett und verpasse die turbulente Abschiedsfete in der Kantine.

wieder runter

Bis nächste Woche, Euer