Handbuch des Helden

Chris McDougall - Handbuch des Helden
Einen Teller Milchnudeln kann man schneller essen als ein 1000-Gramm-Steak. So ähnlich ist das mit diesem Buch: 427 Seiten und trotzdem ist man schnell durch. Ob man danach satt und zufrieden ist? Milchnudeln oder Steak?




Das Problem der Fortsetzung

Wer sich noch an BORN TO RUN erinnert, McDougalls erstes Buch, dem wird das Format und die Schreibweise bekannt vorkommen. Um es vorweg zu nehmen: Mich hat BORN TO RUN begeistert und dieses hier enttäuscht.

Auf der Suche nach den Geheimnissen von Kraft und Ausdauer lautet der Untertitel. Und McDougall macht ein ziemliches Geheimnis aus dieser Suche, und aus dem Ergebnis allemal. Im Grunde verpackt er eine, zugegebenermaßen irrwitzige, Weltkriegsstory inmitten diverser Geschichten um Sport und Ernährung. Oder er packt Sport und Ernährung in die Weltkriegsstory hinein, so richtig schlau wird man daraus selten.


Ausdauer gefragt

Denn diese Kriegsgeschichte zieht sich wie ein Marathon bei Wadenkrämpfen, sie findet einfach kein Ende. Ja, die geschilderten Charaktere sind allesamt schillernd und skuril, sie sind eine Lesereise wert. Doch der Autor springt so schnell von einer Story in die nächste, von einem Schauplatz zum anderen, von gestern ins heute, das man am Ende den Eindruck hat falsch abgebogen zu sein. Außerdem nervt die amerikanische Sitte, alle Personen mindestens mit verballhornten Vornamen, besser aber mit Spitznamen anzusprechen. Ich hatte alle Mühe dem Geschehen überhaupt zu folgen, bei den vielen Paddys und wie sie alle heißen. Mein rein persönliche Meinung ist außerdem, dass man den beschriebenen britischen Soldaten damit nicht den gebührenden Respekt erweist.


Geländelauf

Ja, auch in diesem Buch finden sich eine Menge erstaunlicher Fakten über Ausdauer und Kraft, über Motivation und Willen. Im Grunde sind die Storys an sich sehr interessant und lesenswert, wenn Mc Dougall nur weniger Kreuzungen und Kreisverkehre eingebaut hätte. Außerdem stört mich die deutlich erkennbare amerikanische Schule des kreativ writing. Wer das american-creativ-writing-book schlechthin, nämlich THE CIRCLE gelesen hat (und sich dabei langweilte) wird mir zustimmen. Die HELDEN in diesem Handbuch hier sind dermaßen überzeichnet, die Wissenschaftler meist Eremiten die der Welt den Rücken zugewandt haben, es ist alles so schillernd wie unglaublich. Und das ich für mich das Fazit dieses Buchs: Am Ende wußte ich nicht, wie viel ich davon zu glauben bereit war.


Gewicht wie ein Steak, gehaltvoll wie Milchnudelsuppe

Ich hab für die gebundene Ausgabe 30 Euro ausgegeben. Das würde ich nicht wieder tun. Lesen, ja. Kaufen auch. Aber nur als Taschenbuch und am besten gebraucht. Eigentlich schade um den guten Stoff. Und am Ende offenbart sich das gesuchte Geheimnis nach Ausdauer und Kraft als nichts, was man nicht in jedem nordhessischen Leichtathletikverein im Wintertraining lernt.


Trotzdem viel Freude beim Schmökern wünscht


Olaf