Zu Fuß über den Balkan - Teil 3
















Vorurteile sind für Reisende wie Gitterstäbe für Gefangene: Sie sperren ihn ein. Kommentare vor diesem Urlaub: Nahkampfkurs gebucht? Minensuchgerät eingepackt? Seid ihr wahnsinnig? Dort ist Krieg, oder? Kommen da nicht die ganzen Verbrecher her?
Aber wir wollten eben keine Kreuzfahrt!



Unsere Tour durch die verwunschenen Berge im Norden Albaniens, das Prokletijegebirge, begann am Flughafen Wien. Wir verlassen den Schengen-Bereich und sind schon mittendrin im Balkan. Auch ohne Vorurteile ein komisches Gefühl, zugegeben. Dass wir jedoch genau dies nach unserer Rückkehr vermissen werden, erzähle ich erst am Ende des Berichtes.
Wir landen in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo, auf einem nagelneuen Flughafen. Unser Fahrer Rusha würgt die Reisetaschen in den VW-Bus und los gehts.
Der erste Eindruck vom Kosovo: Staub und Millionen weggeworfener Plastikflaschen und Bierdosen am Straßenrand oder in den Flussbetten. Weiter nach Peja. Auf dem Boulevard spielen Mädchen in Bikinis Volleyballtourniere – in einem muslimischen Land!
Wir wechseln auf einen robusteren Iveco und wissen bald warum. Die Fahrt durch die Rugovaschlucht raubt uns den Atem und staucht uns den Rücken, es ist ein Abtauchen in eine archaische Landschaft, Felsmassive für die Ewigkeit drängen auf uns ein. Welcher Wandel! Eben noch besuchten wir ein serbisches Frauenkloster, eine Oase aus Grün und Luft, und nun diese Macht aus Stein um uns herum. Nach und nach verschwindet der Plastikmüll.
Was sich Asphalt nannte, weicht einer Piste aus Kratern und Felsstücken. Rechts geht’s bergab ins Nichts. Jeder Forstweg in den Alpen ist eine Autobahn dagegen. Bei Gegenverkehr gilt, der Kleinere fährt rückwärts so lang es eben geht. Dann wird rangiert und die eine oder andere Höflichkeit ausgetauscht, gelacht, gewunken und weitergefahren. Nur uns ist weniger zum Lachen, wir schauen aus den rechten Seitenfenstern und versuchen sehr still zu sitzen. Die Fahrerqualitäten von Rusha und den anderen Jungs werden uns noch öfter beeindrucken, denn bis jetzt ahnen wir nicht, was die tatsächlich so drauf haben. Für uns mag es eine Leistung sein, bei diesen Straßen gesund von A nach B zu kommen. Für Albanien und das Kosovo liegt die große Leistung wohl darin, dass unserer Fahrer Serben und Albaner sind, orthodoxe Christen und Muslime, Kriminalbeamte mit Nebenjob und ehemalige UCK-Kämpfer, so wie Rusha. Und dass sie ihre Arbeit gemeinsam tun, in Frieden.
Eine sportliche Woche wünscht

Olaf


Nächsten Montag in Teil 4: Anstandsregeln auf albanisch, der Berg ruft

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